VIII. JAHRGANG - HEFT 26
An unserem Liebling wird gebastelt
H. Braun, Altenhof
Die Sportsaison 1931 ist in vollem Gange. Unser geliebter Benzinesel kennt zwar keinen rechten Winterschlaf mehr, aber immerhin gönnten wir ihm doch einige Feierschichten. Damit ist es jetzt wieder einmal vorbei. Der Sommer kommt, — da  heisst es wieder laufen und „Herrchen“ durch die Landschaft tragen. Hier und da gibt es noch mancherlei an unserem Fahrzeug nachzusehen, zu verbessern, zu heilen. Wer längere Zeit sein Fahrzeug fährt, steht bald in einem zärtlichen Verhältnis zu ihm, trotz der Eifersucht der Sozia auf fremde Verhältnisse.
Wir Motorradfahrer müssen mit unserem Fahrzeug so verbunden sein, wollen wir es in allen vorkommenden Fällen auch wirklich meistern. Wie oft sitzen wir neben unserer „Mühle“, sinnend, nachdenkend, und halten mit unserem treuen Freund stumme Zwiesprache. Wir überlegen, wie wir ihm eine persönliche Note geben können. Der Augenblick ist da, den wir alle kennen, wir fangen an zu basteln!
Die Maschine ist erst dann unsere Maschine, wenn sie in allen Einzelheiten unserer persönlichen Neigung entspricht. Zwar wurde sie uns schon von der Fabrik mit vielen Schikanen geliefert, aber wir finden trotzdem noch mancherlei, was wir anders haben möchten, als es der Konstrukteur baute. Was vielleicht der Ingenieur nicht fand, das finden wir auf Grund unserer Erfahrungen auf Wanderfahrten und Zuverlässigkeitsprüfungen.
Nehmen wir zunächst einmal die Gepäckbeförderung! Sogenannte Gepäckträger finden wir an fast allen Maschinen. Sie dienen in den meisten Fällen nicht mehr der Gepäckbeförderung, sondern der Befestigung des Soziussitzes. Diese Eisenstreben verdienen also den Namen Gepäckträger im ursprünglichen Sinne nicht mehr. Wohin nun aber mit dem Gepäck, das auch der Motorradfahrer nicht nur auf seinen mehrtägigen Wanderfahrten, sondern auch bei seinen Wochenendausflügen unbedingt mitnehmen muss? Der Motorradwanderer weiss sich zu helfen. Das beweisen die vielen Gepäckhalter eigener Erfindung, die wir in allen möglichen, oft aber auch in unmöglichen Formen am Hintergestell der Fahrzeuge angebracht sehen. Zwei Lösungen für die Unterbringung des Gepäcks gibt es eigentlich nur: neben und hinter dem Soziussitz. Eine genormte Lösung für Form und Anbringung des Gepäckhalters kann es noch nicht geben, da die Streben des hinteren Fahrgestells ebenfalls leider noch nicht genormt worden sind. Man kann also die Frage nach Form und Befestigung des Gepäckhalters verschieden lösen. In jedem Falle aber sollte man zweierlei genau beachten: 1. in praktischer Hinsicht das Beibehalten der guten Fahreigenschaften des Rades und 2. in ästhetischer Hinsicht die Erhaltung der schönen Linie der Maschine. In beiden Punkten wird immer noch viel gesündigt.
Die Gepäckbeförderung neben dem Soziussitz ist räumlich wesentlich begrenzter als hinter dem Soziussitz. Koffer neben dem Sitz unserer auf alle Fälle reizenden Sozia beeinträchtigen oft entschieden das bequeme Sitzen der in unserer Zulassungsbescheinigung angedeuteten zweiten Person. Meines Erachtens gehört der Koffer hinter den Soziussitz, während der Platz daneben durch weniger grosse Packtaschen ausgefüllt werden kann. Lederne Packtaschen sind weicher als ein stabiler Koffer, ganz abgesehen davon, dass die Gepäckhalter für grössere Seitenkoffer meist die abscheulichsten Formen zeigen. Sie stören besonders dann die schöne Linie der Maschine, wenn sie unbenutzt als leeres Gestänge in die Weltgeschichte ragen.
Bei kleineren Fahrten genügen ja oft schon die Packtaschen zur Unterbringung des Mitzunehmenden. Wenn man aber Wert darauf legt, auch mal im Gasthause in sauberem Anzuge zu erscheinen, dann hat man eben doch noch einen Koffer nötig. Am häufigsten ist wohl der Gepäckhalter hinter und unterhalb des Soziussitzes angebracht. So ist der Gepäckhalter recht leicht zu montieren. Diese Anbringung aber hat einen Nachteil; die Maschine neigt oft zum Schlingern oder Schwänzeln, dies um so mehr, je tiefer die Schwerpunktlage des Koffers ist. Man kann diesen beim Fahren recht unangenehm werdenden Fehler allerdings dadurch etwas abschwächen, dass man für die Herstellung des Gepäckhalters stabiles Material verwendet, das in sich vollständig schwingungsfrei ist und mit dem Hintergestell des Fahrzeugs vollkommen starr verbunden sein muss. Ich habe bei meinem D-Rad R 06 einen anderen Weg beschritten, der auch bei anderen Fabrikaten gangbar ist.
Aus Winkeleisen wurden die beiden eigentlichen Träger für den Koffer so hergestellt, wie es aus der Abbildung deutlich ersichtlich ist. Beide Eisenträger wurden fest mit dem Fahrgestell des Rades verbunden und erhielten nach unten eine Absteifung. Am Ende des Gepäckhalters wurde eine umklappbare Stütze angebracht, damit das ganze Gestell im unbenutzten Zustande nicht allzu störend wirkt. Trotzdem schien mir das leere Gepäckhaltergestell in dieser Stangenform nicht recht mit dem massigen Aussehen meines Spandauer Springbockes zu harmonieren. Ich baute deshalb einen kleinen Holzkasten, der genau zwischen das Gestänge passte und sich mit vier Schrauben leicht befestigen liess. So schlug ich zwei bedeutsame Fliegen mit einer kleinen Geistesklappe: 1. wurde die vollschlanke Linie meiner Maschine klar gewahrt und 2. hatte ich gleich einen praktischen Behälter für Seife und Handtuch, für ein Abschleppseil (man kann ja nie wissen, ob...) und für ein kleines Verbandpäckchen erhalten. Wie aus der anderen Abbildung ersichtlich ist, stört jetzt der Gepäckhalter kaum noch. Wie der Koffer selbst angeschnallt wird, zeigt die nächste Abbildung. Die hintere Klappstütze des Gepäckhalters hat oben zwei Schlitze, durch die die Riemen gezogen werden. Damit der Koffer nicht nach der Seite herausrutschen kann, hat er ebenfalls oben zwei Oesen für die Riemen. Der Kofferträger in dieser Form hat ausserdem den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man bei Auslandsfahrten mit Leichtigkeit das vorgeschriebene hintere Nummernschild befestigen kann, was bei schräg hinten angebrachten Kofferhaltern immer mit Schwierigkeiten verbunden ist. Bei diesen ist auch die Anbringung eines Stopplichtes meist unmöglich. Bei dem von mir verwendeten Gepäckträger aber ist noch reichlich Platz dafür, wie man aus der Abbildung deutlich ersehen kann. Es handelt sich um ein kombiniertes Rück- und Stopplicht, das ich vor allem bei Stadtfahrten, besonders bei Regenwetter auf Asphaltseife, angenehm empfunden habe, konnte ich doch beide Hände am Lenker behalten. Die Feder, die den Kontakt für das Stopplicht herstellt, ist mechanisch mit der Bremse verbunden, so dass beim Bremsen stets das rote Stoppsignal aufleuchtet. Will man bei grösseren Ueberlandfahrten, bei denen das Stopplicht nur selten benötigt wird, den Akku schonen, schaltet man einfach das Stopplicht ab. Zu diesem Zwecke ist an der Seite des Gepäckhalters eine kleine Hartgummiplatte montiert, die zwei tote Buchsen hat. Soll das Stopplicht nicht betätigt werden, so steckt man einfach den Kontaktstecker in die tote Buchse. Ebenso kann man es mit dem Schlusslicht machen, wenn man längere Zeit parken muss und Strom sparen will. Gern hätte ich noch Abwinker am Gepäckträger angebracht; aber die bisher konstruierten Modelle befriedigen doch wohl noch nicht ganz die Ansprüche, die man in praktischer und ästhetischer Hinsicht stellen muss.
Zum Koffer selbst seien mir noch kurz ein paar Bemerkungen gestattet. Die billigen Pappkoffer, die auch ich erst benutzte, halten nicht lange. Eine einzige Fahrt in anhaltendem Regen, — und sie sind aufgeweicht, unansehnlich und meist unbrauchbar geworden. Nach dem ersten Reinfall (nicht bei Schaffhausen, sondern auf dem Brocken) habe ich den in seine Bestandteile aufgeweichten „Echt Vulkanfibre“ in die Ecke der Verdammnis geworfen und mir aus Sperrholz einen leichten und doch dauerhaften Koffer gebaut. Verstaut werden darin alle die Dinge, die man am Tage nur bei längerer Rast oder abends im Gasthaus braucht. Dass man trotz der Packtaschen und des Koffers oft auch den Rucksack noch mitnehmen muss, weiss jeder, der sich zu den Motorradwanderern zählt. Es gibt eben Dinge, denen das Stuckern nicht bekommt. So wird jeder seinen Photoapparat geschützt am Körper oder im Rucksack tragen. Das Stativ ruht in einer Lederhülle, die mit zwei Riemen am oberen Tankrohr des Fahrgestells befestigt ist, immer bereit und nicht lästig (siehe Abbildung). Diese Abbildung zeigt auch die nachträgliche Montage der Tachometerbeleuchtung.
Verbreiterung des Kotschutzes
Aber auf eine andere praktische Ergänzung der Maschine möchte ich noch kurz aufmerksam machen, nämlich auf die Verbreiterung des hinteren Kotschützers. Jeder Motorradwanderer hat schon die Erfahrung gemacht; dass das Hinterrad gerne den Strassenschmutz auf die Bembergseidenen unserer feschen Sozia oder deren reizenden Trenchkoat spritzt. Um ihre Neigung dem halb geliebten, halb gefürchteten Benzinesel zu erhalten, müssen wir uns als Kavalier zeigen und zur Blechschere greifen, um eine Verbreiterung für das hintere Schutzblech zu basteln. Eigentlich gehört ja diese Arbeit in das Reich der Herren Fabrikationsleiter. Aber natürlich: wenn man Motorräder konstruiert und im Wagen fährt, lernt man die kleinen Schwächen des Fahrzeuges nicht kennen. Aber es ist auch so gut; denn was sollten wir sonst in unseren Mussestunden basteln, wenn uns die Fabrik gleich ein ganz vollkommenes Fahrzeug liefern würde? Bastelarbeiten an der eigenen Maschine erhöhen die Verbundenheit des Fahrers mit seinem Fahrzeug. (B 8148)

 

Der Gepäckhalter von hinten, darunter das Rück- und Stopplicht und der verbreiterte Kotflügel

Der wasserdichte Sperrholzkasten vervollständigt den Gepäckhalter; rechts die Hartgummiplatte für den Anschluss des Rück- und Stopplichtes

Das leere Gerüst des Gepäckhalters

Am oberen Tankrohr ist die Stativtasche befestigt. Das Tachometer hat nachträglich Beleuchtung erhalten

MOTOR UND SPORT 1931


 

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