Die zogen ihn aus!

Trübe Erfahrungen eines Kraftradfahrers

Mit Bildern aus unserem Photowettbewerb

Es ging ein Mensch von Jerusalem hinab gen Jericho und fiel unter die Räuber. Die zogen ihn aus." Heute braucht man nicht einmal mehr von Jerusalem usw., heute geht man hin und kauft ein Kraftrad. Wenn man das richtige Fabrikat erwischt, kommt das Ausziehen ganz von selbst, automatisch. Ich schicke voraus, dass die Originalrechnungen zu den unten angeführten Fällen vor mir auf dem Schreibtisch liegen. Nur im zweiten Fall fehlen mir die Belege, dafür können jedoch die jeweiligen Besitzer als einwandfreie Zeugen dienen. Die Schriftleitung mag mir also die Verantwortung für diesen Artikel allein überlassen. Ein Bekannter von mir kaufte eine 500-ccm-Maschine. Da er einem deutschen Beamtenstand angehörte, dem man schon immer einen sehr starken Idealismus nachrühmte, gab es für ihn natürlich nur ein deutsches Fabrikat. Hier einige Erfahrungen: Am zweiten Tag nach Erhalt riss beim Anfahren auf ebener Strasse im kleinen Gang — es geht sogar etwas bergab an der betreffenden Stelle — die Kette, eine Originalkette des betreffenden Werkes. Die Oelpumpe hatte die Originaleinstellung aus der Fabrik. Das Oel lief unverbraucht — das ist buchstäblich wörtlich zu nehmen — aus dem Auspuffrohr. Nach Köln und zurück, 160 km, wurden zweieinhalb Liter Oel verbraucht. Für diesen Oelverlust gibt es m. E. nur die Erklärung, dass der Zylinder nicht rund, nicht gleichmässig ausgeschliffen war. Nach einem 3/4 Jahr mussten neue Ventile eingesetzt werden. Nach zehn Monaten brach der Kolben. Der Zylinder musste geschliffen werden. Eine Firma verlangte für das Ausschleifen auf Anfrage 35,— RM. Der Kolbenbolzen hatte beiderseitig Rillen in die Kolbenlaufbahn gerieben. Die Hinterradgabel brach an der Antriebsseite; eine besondere oder erkennbare Ursache lag nicht vor. Der Sattel war nach einem Jahr so faul, dass man den "Leder"bezug mit den Fingern zerbröckeln konnte. Die Lieferfirma des Sattels erklärte sich zum Ersatz bereit. Von Kosten kein Wort. Sie schickte den Sattel unter Nachnahme zurück. So muss man die Füchse prellen! Die erste Vorderradgabel brach nach einem Jahr. Ausserdem waren die Gabelenden (Augen für die Vorderradachse) vollständig ausgeleiert. Die zweite Gabel gab ihren schwachen Geist nach ca. fünf Monaten auf. Sie brach genau an der gleichen Stelle wie die erste. Entweder handelt es sich um spottschlechtes Material, oder die Konstruktion weist an dieser Stelle Spannungen auf. Die erste Gabel brach bei mässiger Fahrt auf ziemlich guter Strasse, die zweite auf asphaltierter, spiegelglatter Chaussee. Auch vorher war keine besondere Ursache eingetreten, die einen Bruch rechtfertigte. Am Antriebszahnrad brachen acht Zähne, am Kettenrad zwei, ausserdem war es ausgeleiert, so dass beide Zahnräder ersetzt werden mussten. Die Ventilführungen sind in den ersten sechs Monaten erneuert worden. Auch diese sind schon wieder erledigt. Genau so ging es mit den Stösselführungen. Die Lager an Vorder- und Hinterrad sind ausgefahren. Am Vorderrad ist schon die zweite Federung eingebaut. Das Motorgehäuse ist gerissen. Und das alles bei mässigem und vorsichtigem Gebrauch, wie eben ein Beamter, der vor- und nachmittags Dienst hat, nebenbei noch etwas mit dem Motorrad fährt. Das Rad ist stets vorsichtig behandelt und gut gepflegt worden. Der Besitzer verfügt über besondere Sachkenntnis. Die Rechnung für die angegebenen Ersatzteile beträgt 355,15 RM. Dieses Konto wäre noch bedeutend höher, wenn der Besitzer das Auswechseln von Teilen nicht selbst vorgenommen hätte. Ausserdem sind dieses die Reparaturen nicht alle, also auch die Kosten nicht alle. Das ist nach meinem Geschmack etwas reichlich, nach eineinhalbjährigem, mässigem Gebrauch der Maschine. Reifenverbrauch u. a. ist natürlich nicht angesetzt. Dabei ist der Gummiverschleiss dieser Maschine auf dem Hinterrad ausserordentlich gross, da die Maschine sehr hinterlastig ist. Wer zu einer richtigen Gewichtsverteilung nicht fähig ist, sollte doch die Finger von einer Neukonstruktion lassen. Ein anderer Bekannter, dem gleichen Berufsstande angehörend, gedachte des Wortes: "Das Teuerste ist stets das billigste * und kaufte die teuerste deutsche Maschine. Mit Beiwagen, elektrischem Licht, Beiwagenverdeck, Hupe und anderem Zubehör, Fracht usw. kamen ca. 2750,— RM. zusammen. Ich gebe den genauen Preis der Maschine nicht an, um die Firma nicht zu nennen, wozu ich vorläufig keine Veranlassung habe. Die Kaufsumme ist für unsere Ein-kommensverhältnisse tatsächlich ein Vermögen, und der Besitzer wandte sie nur auf, um auf lange Zeit vor jeder Reparatur u. ä. Erscheinungen gesichert zu sein. In diesem Glauben zog er sie einem bekannten Wagen vor, der nicht teurer ist, wobei ich erwähne, dass dieses Argument (Vergleich Wagen/Maschine) vom Lieferanten herrührt und nicht unsere Ueberzeugung darstellt. Die Garantiezeit überstand die Maschine beinahe glatt, bei einem Gebrauch von mindestens 1500 km Gesamtlaufstrecke. (Eintausendfünfhundert Kilometer! Es ist kein Druckfehler, lieber Leser.) Nur musste man im Winter bei kaltem Wetter infolge der langen Ansaugkanäle 50 bis 100 mal kickstarten, ehe der Motor in Gang kam. Die Firma hatte die Einspritzhähne vergessen, und wer mag immer die Zündkerze herausschrauben, wo man doch bei jedem Tritt hofft, dass der Motor nun anspringt? Jedoch muss zur Ehre der Firma gesagt werden, dass der Kickstarter diesen Anforderungen gewachsen war. Der Bowdenzug zur Zündverstellung sass von Anfang an fest und war bald gar nicht mehr zu bewegen. Der Handkupplungshebel brach von seinem Untergestell los, als einmal Schulbuben beim Abstellen daran herumarbeiteten. Das Material sollte Kinderhänden gewachsen sein. Dann liess sich eines Tages der grosse Gang wohl ein-, aber nicht mehr ausschalten. Ein

1 PS und 5 PS auf der Führe von Swinemünde

Getriebeteil hatte sich festgefressen, weil er kein Oel bekam. Das ganze Getriebe musste ausgebaut und auseinandergenommen werden. Dann war die schöne Garantiezeit zu Ende. Keine vier Wochen später blockierte die Hinterradbremse dauernd das Bad. Der Keil, der die Bremsscheibe arretierte, hatte sich abgenutzt und fasste nicht mehr. Erst wurde ein neuer Keil angefertigt und eingesetzt. Bald war der auch schon wieder erledigt. Dann wurde die Bremsscheibe festgenietet. Die Nieten lockerten sich. Dann wurde von der Firma die Ersatzscheibe bezogen, natürlich nicht kostenlos. Während dieser Zeit und schon vorher hatte sich herausgestellt, dass auch die Firma die verfehlte Konstruktion der Hinterradbremse erkannt hatte und eine andere Arretierung einbaute. Die Firma probierte also die verfehlte Erstkonstruktion auf Kosten der Käufer aus, eine sehr empfehlenswerte Methode. Nach einiger Zeit federte die Vordergabel nicht mehr, trotzdem die Fettpresse daran ruiniert wurde. Ein Bolzen, der nach genauer Untersuchung mit Gewalt herausgetrieben werden musste, sass fest. Das konnte nur möglich sein, da er schon in der Fabrik mit Gewalt eingezogen worden war, denn an Pflege hat es der Besitzer nicht fehlen lassen. Beim Arbeiten an der Gabel ging die untere Lagerschale am Gabelrohr zu Bruch. Zum Glück! Die Kugeln waren zu Schrott zerrieben, aber auch keine einzige war mehr heil! Die Herstellungsfirma behauptete, der Besitzer habe das Lager nicht fest angezogen. Das Gegenteil war der Fall. Die Fabrik hatte das Lager zu fest angezogen. Der Besitzer hatte nie eine Hand daran gelegt; auch hatte der untere Gabelkopf sich nicht gelockert. Heute, nach einem Jahr des Gebrauchs, in dem die Maschine nicht über 4000 km gelaufen ist, befindet sie sich notgedrungen in der Fabrik. Ein Lager ist ausgeschlagen. An Oel hat es der Maschine nicht gefehlt. Mit mehr als 60 km Geschwindigkeit ist die Maschine nie gefahren worden, im Anfang nicht einmal mit 50. Dabei ist es eine kopfgesteuerte, die 120 km herausholen soll. Das Verdeck zu dieser Maschine kostete 75,— RM. ohne Porto, Verpackung, Befestigungen usw., passt zu der Maschine wie die Faust aufs Auge und ist besten Falles 10,— RM. wert. Von auswechselbaren Bädern scheint die Firma noch nichts gehört zu haben. Das Vorderrad hat nicht einmal Steckachse. Nach Erscheinen dieses Typs hat es ca. zwei Jahre gedauert, bis eine Ersatzteilliste zu haben war, und dann kostete sie 50 Rpf. und die Preise waren immer noch nicht dabei. Ich persönlich finde das unerhört; es handelt sich ja nicht um die 50 Rpf., sondern um das Prinzip. Jede Firma, die mir nicht bereifwilligst ein Verzeichnis ihrer Waren zukommen lässt, unentgeltlich, braucht nicht mit der kleinsten Berücksichtigung zu rechnen. Und es gibt auch keine Firma, die der Anforderung einer Liste nicht bereitwilligst nachkommt. Hier wird die Zwangslage des Kraftradfahters ausgenutzt. Wo bleibt da die vornehme Geschäftswahrnehmung? Die Kosten der oben angeführten Reparaturen entziehen sich meiner Kenntnis. Jedenfalls hätten bei einer derart teuren Maschine im ersten Jahr noch keine Kosten entstehen dürfen. Ich bemühe mich stets um Objektivität. Ich will daher gern bekennen, dass ich Wagen und Räder kenne, die 100 000 Kilometer laufen oder sogar noch mehr, aber ich muss einigen Werken geradezu Fahrlässigkeit vorwerfen. Manche Konstruktionen sind derart schlecht, dass man annehmen könnte, der Konstrukteur habe keine einzige Erfahrung auf der Landstrasse gewonnen. Es gibt Fabrikate, denen ich jede Lebensberechtigung abspreche, und die nur ein aus-gesprochenes Grünhorn kauft, der sich von einem bisschen Lack und dem glatten Mundwerk eines Verkäufers betören lässt. Auch mancher sogenannten Reparaturwerkstätte kann ich bittere Vorwürfe nicht ersparen. Eines Tages stand eine Maschine mit zersprungenem Startergehäusedeckel bei mir. Ich schätzte den zersprungenen Teil auf 7,50 RM.; einschliesslich Einbau, telegraphischer Bestellung, Porto usw. auf 15,— RM. Die Reparatur kostete bestimmt über 60,— RM. Genau weiss ich die Summe nicht mehr. Der Besitzer bat mich, doch einmal an die Herstellungsfirma zu schreiben. Die Antwort lautete: "Wir stellten den Gehäusedeckel mit 6,90 RM. in Rechnung". Kommentar erübrigt sich. Fehlkäufe bei Neuanschaffungen bleiben dem fachmännisch Unterrichteten wohl meistens erspart, gegen Uebergriffe auf dem Gebiete der Reparaturkonten ist auch er nicht gefeit. Ich sehe hier nur den Weg: Jeder Kraftfahrer muss sich einem unabhängigen Verbande anschliessen, der in der Lage und gewillt ist, die Interessen seiner Mitglieder zu vertreten. Der einzelne ist machtlos. Zum Schluss noch eine Abschrift aus einer Rechnung: Zwei Zylinderköpfe mit Führungen, à 60,— RM. = 120,— RM., zwei Zylinderlaufbahnen, à 48,— RM. = 96,— RM., zwei Kolben, komplett, à 30, RM. = 60,— RM., ein Magnet im Umtausch 80,— RM., Arbeitslohn 72,— RM. Ausgestellt im August 1927. Ich glaube, das ist die Maschine des kleinen Mannes, nach der wir armen Teufel schon lange suchten.

 

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