Wünsche eines Tourenfahrers.
Von Jos. A. Detoni.
Man kann mich nicht einen „Feschak“ nennen, also jenen mondänen, feschen Kerl, der sich alle Jahre zur Messezeit ein neues Motorrad kauft, weil das zum guten Ton gehört und der seine neue Maschine bereits im Monat Mai, wenn alle Knospen springen, in der Neunkirchner Allee „absticht“, weil er doch sehen muß, ob sich der Reklamechef der „Saußweg-Werke“ nicht geirrt hat, als er im Katalog von der neuen „Saußweg-Supersport“ behauptete, die Maschine gehe „über“ 140 Stundenkilometer. Ich zähle mich auch nicht zu jenen Feinschmeckern, die mit hochmütiger Miene von Messestand zu Messestand pilgern und überall mit Kennerblick fragen:„Was geht eigentlich die Maschine?“ worauf seitens der Händler eine fröhliche Lizitation von Höchstleistungen einsetzt, wobei immer versichert wird, das gefragte Modell gehe um 10 km schneller als das der Konkurrenz.
Viel wesentlicher ist für mich die Frage: „Wie geht die Maschine?“ denn ich huldige halt einmal dem Standpunkt, daß mit der Schnelligkeit allein nichts getan ist und erblicke das große Heil meiner sportlichen Betätigung nicht in einem forcierten Kilometerlance, sondern in einer guten Langstreckenleistung mit anständigem Durchschnitt. Eben jetzt, zu Beginn des neuen Jahres, zu jener Zeit also, wo die abgestochenen Maschinen aus zweiter Hand verkauft werden, und über neue Modelle gustiert wird, schreite ich an die sorgfältige Überholung meines Rades und ich finde immer wieder, daß in dieser Arbeit ein Gutteil des Interessanten an meiner motorsportlichen Betätigung enthalten ist. Wenn dann die Messezeit herannaht, steht mein Rad bis auf die letzte Schraube revidiert, gestriegelt und geputzt in der Garage und harrt der Reisen, welche Frühling und Sommer bringen werden.
Bei dieser beschaulichen Winterarbeit drängen sich mir als begeisterten Tourenfahrer Wünsche auf, die das neue Jahr erfüllen soll:
1. Von den Behörden möchte ich wünschen, daß da eine geistige Umstellung platzgreift. Bei uns gilt vielfach noch ein Motorfahrzeug als böser Luxus, für dessen Gebrauch man gehörig bestraft werden muß. ln einer Zeit, in der so viel von Überlastung der Ämter gesprochen wird, in der Akte Patina ansetzen, weil eben die Zeit zur Erledigung fehlt, findet man Muse genug ein Heer von Beamten mit Bleistift und Stoppuhr auszurüsten, um in möglichst unzulänglicher Weise Geschwindigkeiten zu messen, deren Richtigkeit — wie im Falle Mödling, wo angeblich Leute im Ort mit 70 Stundenkilometer gefahren sein sollen — jeder Vernünftige anzweifeln muß. Der reisende Motorradfahrer ist vielfach schon zum Freiwild geworden, der dafür, daß er zum Weekend sein Geld auf das Land führt, aus dem Hinterhalt aufgelauert und mit saftigen Strafen belegt wird. Es möge endlich damit aufgeräumt werden, durch Schaffung von Autofallen das Gemeindesäckel irgend eines verlotterten Ortes zu füllen. Die Polizei möge probeweise einmal versuchen, die Disziplin der Fußgänger zu heben, deren Sorglosigkeit oft jeden Verkehr unterbindet.
Ich erinnere nur an Innsbruck, wo die Fußgänger auf der belebten Maria-Theresia-Straße bequem in Sechserreihen auf der Fahrbahn Korso halten und die in ihrem ruhigen Marsche wie ein zähflüssiger Brei anmuten, den kein Huppensignal zu teilen vermag. Der schöne aufgeputzte Herr, der am Anfang der Straße steht und geradezu „balinerische“ Handzeichen austeilt, möge da einmal seinen Blick nach rückwärts wenden und die Volkesmassen für den Fahrzeugverkehr teilen.
Mein weiterer Wunsch gehe dahin, daß man den armen Staatsbürger, der ja die beeideten Staatsbürger bezahlen muß, auch dann weiter anhöre, wenn seine Aussage der des beeideten Schutzorganes gegenübersteht. Es geht nicht an, daß die Aussage eines ehrenhaften Menschen deshalb weniger wiegt, weil er nicht das lebenslängliche Glück einer einmal erfolgten Beeidigung zum höherqualifizierten Staatsbürger in sich birgt. Der Gegenhalt einer Aussage einer beeidigten Person ist die schimpflichste Beleidigung für einen anständigen Menschen. Das müßte namentlich in den vielen Motorradstraffällen endlich ins Auge gefaßt werden.
2. Würdige Straßen: Es sei zugestanden, daß sich da in den letzten Jahren Einiges zum Bessern gewendet hat und ich muß auf Grund meiner Auslandsreisen offen gestehen, daß wir in Österreich durchaus nicht am schlechtesten dastehn. Auch die vielgerühmte Schweiz hat genügend Lotterstraßen, die an Mensch und Maschine Gewaltproben anstellen. So fuhr ich heuer im Graubünden Straßen, die an unsere böseste Zeit erinnern und wenn ich die Aussagen eines Engadiner Garagemeisters zitiere: „In ein, zwei Jahren sind bei uns überhaupt keine anständigen Straßen mehr, weil diese Wege den Autoverkehr, der erst seit zwei Jahren gestattet ist, nicht aushalten und nichts gerichtet wird ..“ so kann ich aus Erfahrung diese Worte nur unterstreichen. In Schwyz und z. T. in Uri haben die Straßen auch schon „Emmenthaler-Charakter“ angenommen. Allerdings gibts dann wieder bestens in Stand gehaltene „Renommier“-Straßen, doch auf diesen Trick ist man ja bei uns auch schon daraufgekommen. Auch wenn man von Salzburg auf schön gepflegter Straße in deutsches Gebiet Übertritt, begrüssen uns schon Schlaglöcher derbster Sorte und man fragt sich, warum gerade in Österreich so viel geschimpft und im Ausland soviel gelobt wird. Von Italien wollen wir lieber schweigen; neben Luxusstraßen sind viele hundert Kilometer Fahrt Rumpelstraßen mit wellblechartiger Oberfläche, so daß man von einer glatten, unbehinderten Fahrt auf einer längeren Reise sicherlich nicht sprechen kann. — Wenn man bedenkt, welcher große Verkehr sich von der Weltstadt Wien Tag für Tag in die nächste Umgebung ergießt, muß man anerkennen, daß die Straßen trotz alledem noch als gepflegt anzusprechen sind, wenigstens gilt das für die Arbeiten des abgelaufenen Sommers im Straßenwesen. Immerhin möge der Schaffensdrang unserer Straßenverwaltung auch im kommenden Jahre nicht erlahmen und sich vor allem auch der Bezirksstraßen annehmen, die gerade in weniger besuchte Gegenden führen. — Ein Leidenskapitel sind und bleiben offenbar die verlotterten Bahnübergänge. Für den modernen Schnellverkehr ist es natürlich lächerlich, knapp vor der Bahnkreuzung ein Warnkreuz aufzustellen, selbst ein aufmerksamer Fahrer ist nicht mehr in der Lage rechtzeitig seine Maschine abzubremsen, wenn Gefahr im Verzug ist. Warnkreuze haben mindestens 100 m vor der Kreuzungsstelle aufgestellt zu werden. Sträucher und Bäume, die die freie Sicht an der Kreuzungsstelle behindern sind abzuholzen. Man gefällt sich manchmal direkt in einer Maskierung der Bahnübersetzung.
3.Warntafeln im Allgemeinen: Ich begreife sehr gut, daß unsere Klubs, die sich in dankenswerter Weise mit der Aufstellung von Signaltafeln (Warnzeichen) befassen, irgendwie die Kosten hereinbringen wollen und ein Unfug ärgster Art ist es aber, daß „geschäftstüchtige“ Firmen die Form dieser Warnungszeichen, die der Sicherung der Kraftfahrer dienen, nachahmen, um für ihre Artikel Reklame zu machen. In der Fülle der Tafeln beginnen bereits die wirklichen Warnzeichen unterzugehen. Man verliert auf einer Fahrt Wien—Linz zum Beispiel jedes Gefühl, wenn man die Fülle von Tafeln zu Gesicht bekommt, die da aufgestellt wurden, man sieht vor lauter „Steyrer“-Ziel-scheiben, beinahe die eigentlichen Warntafeln nicht mehr. Wozu noch kommt, daß die Reklametafeln gut in Stand gehalten, die Warntafeln aber von Wind und Wetter gebleicht sind. Die Aufstellung von Ortstafeln müßte zum Teil übersichtlicher erfolgen. — Was die Straßenmarkierung in Niederösterreich und Tirol anlangt, so ist diese wohl neben England mustergiltig zu nennen, ich habe weder in Deutschland, der Schweiz noch in Italien so gute und zweckmäßige Richtungsanzeiger gefunden, wie bei uns. In Oberösterreich wäre — soweit meine Tourenerfahrung reicht — noch manches in dieser Beziehung nachzuholen. (Ich möchte dabei aber das gewissenhafte Urteil lieber den oberösterreichischen Kollegen überlassen.)
4.Hilfsbereitschaft: Da scheint etwas faul in unserem Motorradsport zu sein. Die guten Geister scheinen manchen zu verlassen, wenn er auf seiner Maschine sitzt. Auch, wenn er seine Schwiegermutter im Beiwagen sitzen hat, scheint er es eilig mit seiner Weekendreise zu haben. Ist es ein schönes Kind, dann wäre die Sache immerhin begreiflich. Der österreichische Motorradfahrer tritt da etwas hinter seinen deutschen oder italienischen Kollegen, deren Hilfsbereitschaft ich oft, ohne sie irgendwie beansprucht zu haben, bewundern lernte. So saß ich in einer Kurve des Stilfser-jochs, um mir den Ortler genauer anzusehen, als vielleicht drei Automobilisten und einige Motorfahrer vorbeifuhren und trotz der ansehnlichen Steigung und den engen Kurven, welche einen guten Schwung der Maschine fordern, stehen blieben und mich fragten, ob mit mir oder der Maschine etwas vorgefallen sei; als ich verneinte, grüßten sie und fuhren weiter. Manchmal kann wirklich einem Kameraden ein wertvoller Dienst bei einer kleinen Panne erwiesen werden. Die kurze Spanne Zeit, die man anhält, ist doch bald wieder eingeholt und man hat sich nützlich gezeigt und damit auch den Geist der Kameradschaftlichkeit gefördert. Wie wenig der ausgeprägt ist, bewieß mir ein Fall, in welchem ich einem Kameraden zu Hilfe kam, der einen schweren Motordefekt auf der Strecke erlitten hatte und den ich dann ins Schlepptau nahm; da fuhr uns der Vertreter der betreffenden havarierten Marke meines Freundes vor, winkte uns, bezw., meinem Kameraden zu und ließ uns in seiner Staubwolke zurück. Am nächsten Tag frug er meinen Freund: „Na, was is Ihnen denn gestern passiert?“ Ich möchte also wünschen, daß das neue Jahr, das wohl wieder eine ganze Anzahl unbeholfener Motorrad-Babys bringen wird, uns den Geist der Kameradschaft, einer uneigennützigen Hilfsbereitschaft, höher entwickeln läßt.
5. Vereinsarbeit: Besonders Erfreuliches ist da wohl nicht zu berichten, möge das neue Jahr mehr positive Leistung bringen. Eine Bitte sei mir gewährt: Einschränkung des Rennbetriebes auf ein erträgliches Maß. Daß Motorräder schnell fahren, wissen wir aus den Fabrikskatalogen und Annoncen; nur wenige Auserkorene haben wirklich ernstes Interesse, Rennfahrten zu sehen. Wir wissen schon längst, daß Rennen nicht der richtige Prüfstab für die Brauchbarkeit einer Maschine sind; es werden ja hochfrisierte Typen ins Rennen geschickt, wie sie der bescheidene Mann nie zu kaufen bekommt, und der sie auch nicht kaufen wird, weil er eben keine praktische Verwendung dafür sieht, und sich nicht den Luxus leisten kann, nach dem Leichenbegängnis der einen Maschine eine andere als Braut dem Händler zu entführen. Das passive Interesse am Rennsport haben die letzten Veranstaltungen zur Genüge gezeigt. Im Übrigen ist unsere Organisation noch kaum auf jener Höhe ein wirklich interessantes, fesselndes Rennen zu zeigen. Schon die Wahl des Rennkurses ist nicht immer die günstigste. Weitaus wertvoller wäre die Pflege wirklich guter und interessanter Leistungsprüfungen, umfangreicher Wanderfahrten mit strengen Wertungen, daraus könnte man allenfalls noch eine gewisse Brauchbarkeit der beteiligten Maschinen ableiten. Natürlich müßten die Maschinen von Amateurfahrern gefahren werden. Mechanikerfahrten mit frisierten Maschinen sind praktisch zwecklos. In einer guten technischen Beratung und Aufklärung der Mitglieder, in einer brauchbaren Tourenberatung, in einer Kollektivversicherung, überhaupt in einem Dienst am Mitglied, würde ich die heilsame Aufgabe unserer Vereine und des Verbandes sehen. Heute wird Protzen-tum herangezüchtet und mit den Geldern der Mitglieder Untaugliches geleistet. Damit sind wir bei dem Punkt angelangt, daß wohl mit — begreiflichem — Widerwillen Beiträge gezahlt werden, aber seitens der Mitglieder selbst kein aktiver Einfluß auf die Geschäftsführung genommen wird. Die Mitglieder haben immer jenen Verein, den sie verdienen!
Die Veröffentlichung von gesammelten Erfahrungen und Wünschen im „Motorfahrer“, als dem Organ der österreichischen Motorradfahrer, könnte wertvolle Anregungen bringen und auch in diesem Falle möge das neue Jahr eine noch intensivere Tätigkeit am Ausbau unseres schönen Sportes bringen.
Die enorme Zunahme des Motorradverkehrs in Deutschland illustriert am besten obige Abbildung eines Parkplatzes bei einem Rennen.

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