VII. JAHRGANG - HEFT 23 39 Obering. Martin Stolle Links: GymSastik auf dem Sattel. (links Ischinger, rechts Polster) Mitte: Balancetricks ohne Lenker Rechts: Taillenbalance NOCH vor 20 Jahren war jeder junge Mann Mitglied eines Turnvereins. Ich auch! Die üblichen Turnübungen waren mir zu einseitig, weshalb ich Kunststücke auf einem Kunstfahrrad versuchte. Da ich schon zu dieser Zeit viel motorradfuhr und auch Rennen mitmachte, glaubte ich, mein Geschick beim Motorradfahren können noch durch Kunstradübungen vervollkommnen zu können. Bald brachte ich es auch so weit, dass es mir ganz gleichgültig sein konnte, ob die Strasse schmierig war oder nicht. Die damaligen Strassen waren ja wesentlich schlechter als heute. Ich erinnere mich noch gut daran, wir mir anlässlich des Rennens München-Ingolstadt und zurück bei einer Preisverteilung der ehemalige Präsident des ADAC öffentlich das Zeugnis eines ausgesprochenen "Dreckfahrers" ausstellte. Heute würde man vielleicht sagen "Dirt-Track-Fahrer", da die Fahrtaktik, die ich damals hatte, der heutigen Aschenbahn-Renntechnik sehr ähnelte. Als ich bei der Rennabteilung der Deutschen Industrie-Werke in Spandau Kunstradübungen einführte, machte ich die Entdeckung, dass sich meine Rennfahrer nach entsprechender Anleitung sehr gut für Fahrradkunststücke eigneten. Nachdem nun diese Uebungen schon über 1 Jahr dauernd fortgesetzt wurden, sind Fertigkeiten erreicht worden, wie sie auf unseren Bildern gezeigt werden. Veranlassung zu solcher Trainingsarbeit ist die Tatsache, dass den Fahrern bei den immer schwerer werdenden Zuverlässigkeitsfahrten die grössten Anstrengungen zugemutet werden. Rennfahrer müssen nicht nur imstande sein, unnatürlich grosse Tages-strecken durchzuhalten, sondern auch jeder Situation, die Fahrstrecke und besondere Zwischenfälle an sie stellen, gewachsen sein. Sie müssen auch bei den hohen Geschwindigkeiten, die heutzutage bei derartigen Fahrten verlangt werden, "stürzen" können, ohne sich zu verletzen. Der Körper des Fahrers muss in einem solchen Moment alle Muskeln anspannen und sich je nach der Sturzrichtung blitzschnell zusammenrollen. Das Gleichgewichtsgefühl des Körpers muss so fein durchgebildet werden, dass jede, selbst die geringste, unnatürliche Bewegung des Rades sofort durch eine instinktive Gegensteuerbewegung des Fahrers wieder ausgeglichen wird. Um dies zu erreichen, wird in den Wintermonaten nicht nur auf Schnee und Eis gefahren, sondern auch in einer grossen Halle der Fabrik geturnt und Gymnastik getrieben. Vor allem haben sich aber derartige "Balancetricks" mit dem Kunstfahrrad - regelmässig geübt - glänzend bewährt. Hand in Hand geht damit Erziehung zur gesunden Lebensweise, Geistesgegenwart, Selbstbeherrschung, verstandesgemässen Fahrtaktik und sportlichen Gesinnung. Anmerkung der Redaktion: Martin Stolles vorbildliche Trainingsmethoden haben sich für seine Rennfahrer wie das Werk recht erfolg- und segensreich erwiesen. Unzweifelhaft zählt die D-Rad-Rennmannschaft zu den bestdiszipliniertesten, geschicktesten und anständigsten Leuten, die wir augenblicklich im deutschen Kraftradsport haben. Jedenfalls hinterlassen sie stets einen angenehmen, nachhaltigen Eindruck. Um so erfreulicher ist es, dass sie dank dessen sowie ihrer guten Maschinen, die natürlich ebenfalls ein gut Teil dazu beitragen, unter der ebenso geschickten wie unermüdlichen, freundschaftlichen und erfahrenen Führung Stolles von Erfolg zu Erfolg eilen können. Stillstand auf begrenzter Boden-fläche. Auf den Tischen: Links Franz Ischinger, Mitte Hans Prybylski, rechts Max Polster, die Rennfahrer der D-Werke. Im Vordergrund geht Obering. Martin Stolle seiner Mannschaft mit bestem Beispiel voran. Er hat trotz seines Alters die beste Haltung
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