Oberweser und Teutoburger Wald.
Der Hauptvorzug der beiden zusammenliegenden Gebiete besteht in ihrer zentralen Lage innerhalb Deutschlands. Von allen Seiten kann man auf bequemen Straßen diese Gegend erreichen, während die Chausseen selbst überall erstklassig sind und für den Motorradfahrer ein Dorado darstellen.
Im vorliegenden Falle wollen wir in einer ausprobierten Rundfahrt, die uns zum Schluß wieder an unseren Startpunkt bringt, die Oberweser von Minden bis Hameln und den Teutoburger Wald an seiner romantischsten Stelle bei Detmold kennen lernen. Als Standort gilt Hameln oder Minden, je nachdem, von wo man kommt.
Bevor wir unsere Fahrt in der alten Rattenfängerstadt Hameln beginnen, wollen wir uns kurz vergegenwärtigen, auf was für Boden wir überhaupt stehen. Das Weserbergland und die Gegend um den Teutoburger Wald war in den aller-ältesten Zeiten der Wohnsitz der Germanen, und diese Gegenden haben die Feldzüge des römischen Kriegsherren Varus gesehen. Hier ist überall historischer Boden, wie die dauernden Funde von Urnen oder auch römischen Goldmünzen beweisen, und in dieser Gegend war die sagenhafte Schlacht im Teutoburger Walde, wo im Jahre 9 die Legionen des Varus von Arminius aufgerieben wurden.
Wir beginnen unsere Tour in Hameln, nachdem wir uns dort ein wenig umgesehen haben. Eine Rundfahrt von nur wenigen Minuten Dauer zeigt uns das Rattenfänger- und Hochzeitshaus. Die Rattenfängersage beherrscht überhaupt die Geschichte der ganzen Stadt und überall gibt es Andenken daran in Form von Bildern, Gedichten oder gebackenen Mäusen — die aber eßbar sind. Die moderne Zeit wird in Hameln durch die große Automobilfabrik von Selve vertreten.
Auf unserer Motorwanderfahrt verlassen wir Hameln in nord-westlicher Richtung und bleiben dauernd auf dem rechten Weser- Ufer. Zur Linken haben wir den Strom, und beiderseits in der Ferne gewahren wir Berge, die immer näher an den Fluß herantreten. Wir fahren über Wehr-bergen, Fischbeck und Hessisch-Oldendendorf nach Welsede. Von diesem Dörfchen aus kann man einen Abstecher zur Schaumburg und Paschenburg unternehmen. Allerdings muß man das letzte Stück Weges zu Fuß laufen; das Rad wird man zweckmäßig im nahen Bauern-hofe für kurze Zeit unterstellen. Wir fahren weiter geradeaus über Westendorferlandwehr, und bevor wir der Straße nach links über die Weserbrücke folgen, biegen wir rechts ab und kommen in langsamer Steigung durch das idyllische Dörfchen Steinbergen und auf der Weiterfahrt zur Arensburg. Diese liegt inmitten eines Parkes, in dem ein stiller, seerosenbewachsener Teich liegt. Das ist ein sogenannter Hexenteich und in diesen wurden in früheren Zeiten die Hexen geworfen: gingen sie unter, so galten sie als unschuldig und wurden gerettet, blieben sie aber oben, so waren sie schuldig und wurden verbrannt. Von der Arensburg kann man übrigens einen weiteren Abstecher durch das bekannte Bad Eilsen und den Harri, einen großen parkähnlichen Wald, nach Bückeburg machen, wo jeder Gewerbetreibende Hoflieferant ist.
Nach diesen verschiedenen Ab-stechern stoßen wir wieder auf unsere alte Straße und überqueren die -Weser; gleich darauf sind wir im alten Rinteln. Zurückblickend gewahrt man von hier aus oben auf dem Berge die Luhdener Klippen, wo das berühmte Weserlied Hier hab' ich so manches liebe Mal Mit meiner Laute gesessen, entstanden ist. Der Dichter des Weserliedes, Franz Dingel- stedt, hat in Rinteln seine Jugend verbracht.
Von Rinteln geht es auf sehr guter Straße auf der linken Weserseite am Schlosse Vahrenholz vorbei nach Erder und Vlotho. In diesem Zigarrenmacher-Städtchen lohnt sich ein Besuch des die Stadt überragenden Amthausberges; ein steiler, aber schöner Fahrweg biegt am Amtsgericht nach links ab.
und nach 10 Minuten Fahrt mit dem kleinsten Gange gelangt man durch das alte Burgtor auf die Kuppe des Berges, von wo man einen schönen Ausblick ins Wesertal und auf die Porta Westfalica hat. Auf der gleichen Weserseite geht es von Vlotho über Rheme, das in der Römerzeit Rimi hieß und an der Mündung der Werra in die Weser liegt, der Porta Westfalica entgegen. Nach Überquerung der Werra kommen wir durch die Ortschaft Hahnenkamp, die eine uralte germanische Siedlung darstellt und wohin viele Forscher das Standlager des Varus vor der Schlacht im Teutoburger Walde verlegen. Nun haben wir dauernd eine Aussicht auf das Wesergebirge mit dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal und dem gegenüberliegenden Bismarckturm auf dem Jakobsberge. In der Ortschaft Porta zweigt gleich hinter den ersten, größeren Hotels ein Fahrweg links ab zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Wittekindsberge. In sanften Serpentinen schlängelt sich die schöne Straße durch den Hochwald am Berghang, und nach kurzer Zeit sind wir oben. Die Maschine bleibt auf dem Platz vor der Denkmals-Wirtschaft stehen, und das letzte Stück geht man zu Fuß. Die Aussicht von oben ist umfassend und eine der schönsten im Norden Deutschlands.
Sind wir auf der Weiterfahrt in Minden eingetroffen, dann interessiert uns in erster Linie das große Schiffshebewerk, mit dessen Hilfe große Dampfer 20 m hoch aus der Weser in den Mittelland-Kanal gehoben werden. Interessant ist auch die Überführung des Mittellandkanals über die Weser.
Bei der Weiterfahrt verlassen wir Minden auf dem gleichen Wege, auf dem wir gekommen sind und zweigen bald rechts ab nach Hartum, das inmitten einer ausgedehnten Moorlandschaft liegt. Von da geht es über Rothenuffeln nach Bergkirchen, dessen uralte Kirche im Sattel des Gebirges als bereits von weitem erkennbarer Zielpunkt dient. Die Straße schlängelt sich wiederum in weiten Serpentinen den Berg herauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Über Eidinghausen, wo wir zum zweiten Male die Werra treffen, fahren wir nach Bad Oeynhausen. Wir kommen zwischen zwei großen Gradierwerken, über welche die Soole geleitet wird, in die Stadt. Hier interessiert vor allem das große Kurhaus, der fabelhaft schöne Kurpark, die Siel-Anlagen und die Oeynhausener Schweiz. An manchen Tagen werden auch die großen Thermalsprudel, darunter der neue 50 m tiefe, gezeigt.
Oeynhausen verlassen wir in  südwestlicher Richtung parallel zur Eisenbahn und kommen über Herford, wo wir von der bisherigen  Richtung nach links abzweigen, nach Salzuflen, das ebenfalls einen Kurpark, Gradierwerke und Thermalquellen besitzt. Bereits in der Ferne gewahren wir als lang-gestreckten Bergrücken den Teutoburger Wald, und bei scharfem Zu-sehen erkennen wir auf seinem Rücken einen winzigen senkrechten Strich: das Hermanns - Denkmal. Auf guter Straße kommen wir über Lage und laufen schließlich in der früheren Residenzstadt Detmold ein. Die Stadt selbst ist uralt, und schon zu germanischer Zeit wird diese Gegend als Volksgerichtsstätte genannt. Nachdem wir uns auf einer kleinen Rundfahrt Detmold angesehen haben, verlassen wir es durch die Neustadt-Allee in Richtung Hiddesen. Unser Besuch gilt in erster Linie dem Hermanns-Denkmal, zu dem eine sehr gute, allerdings teilweise ziemlich steile Fahrstraße führt. Bald kommen wir. stets steigend, in den Hochwald der Grotenburg und dann endigt nach vielfachen Windungen unsere Straße in einem größeren Gasthofe, von wo man einige Minuten bis zum Denkmal zu Fuß geht. Das Denkmal ist 58 m hoch und bis zum Anfange der Figur besteigbar. Von hier oben hat man einen herrlichen Ausblick auf Detmold und jenes Stück Westfalenland, das wir vorhin durchfahren haben. Bei klarem Wetter kann man von hier oben die Porta Westfalica und den Brocken erkennen.
Wir verlassen Detmold in Richtung Horn, das nach 8 km Fahrt erreicht wird. Dieses mittelalterlich anmutende Städtchen ist in erster Linie durch die Nähe der Extern- Steine bekannt geworden; diese Steine, bestehen aus 5 nebenein-anderstehenden, steil bis zu einer Höhe von 38 m emporragenden Sandsteinfelsen, von denen zwei durch Treppen zugänglich gemacht worden sind. Die Steine wurden weit über die Grenzen des Landes hinaus durch das in den einen der Felsen eingehauene Hochrelief, eins der ältesten Kulturdenkmäler Deutschlands, bekannt. Die Straße Horn-Paderborn, die wir von Horn aus ein Stückchen verfolgen, führt zwischen zwei Steinen hindurch, auf deren einem oben ein im Fallen begriffenes Felsstück liegt, — aber keine Angst, der Stein ist durch Eisenklammern vor dem Herunterfallen gesichert.
Bei der Weiterfahrt benutzen wir zunächst unseren Hinweg bis Horn und fahren dann geradeaus weiter nach Bad Meinberg, einem kleinen Schwefelmoor- und Kohlensäurebad, in dessen Nähe die von uns bei Bad Oeynhausen kennengelernte Werra entspringt. Wir umfahren den Kurpark und sind nach 15 km in Blomberg, das mit gutem Recht ein norddeutsches Rothenburg genannt werden kann.
Das Städtchen hat fast durchweg die alten Fachwerkhäuser mit hohen Giebeln, die ihm den mittelalterlichen Anstrich verleihen. Die Stadt ist rings von Nelkenfeldern umgeben, die den alten Namen "Blumenberg" wieder zu Ehren bringen. Hinter Blomberg durchfahren wir wiederum herrlichsten Hochwald, und an einer großen Wegekreuzung verlassen wir unsere bisherige Straße rechts einbiegend nach Bad Pyrmont. Nach kurzer Zeit sehen wir tief unter uns in einem allseitig von Bergen eingeschIossenen Talkessel den Badeort liegen, zu dem unsere Straße mit dauerndem, zum Teil starken Gefälle in Haarnadelkurven hinabgeht.
Da der Motorradfahrer ohne Zeitverlust viel mehr sehen kann als der Fußgänger, soll er auch davon reichlich Gebrauch machen. So ver-säume man nicht, der Dunst- höhle einen Besuch abzustatten, in der seit ewigen Zeiten eine ungefähr 2 m hohe Kohlensäureschicht über dem Boden lagert.
Pyrmont verlassen wir über die Bahnhofstraße, und am Bahnhof biegen wir links ab. Im Tale der Emmer führt unsere Chaussee über Welsede zur Ortschaft Hämelschenburg mit dem Schloß gleichen Namens, das ungefähr 400 Jahre alt ist. Von hier geht‘s über die Station Emmertal, wo wir nach links abzweigen nach Ohr, und hier erreichen wir wiederum die Weser, die wir das letzte Mal an der Porta Westfalica sahen. Wir fahren weiter stromabwärts am linken Weserufer, vorbei an der herrlich gelegenen Restauration Felsenkeller und sind in einigen Minuten wieder in Hameln angelangt.
Unsere Fahrt ist zu Ende! Die hier beschriebene Schleife ist ungefähr 170 km lang und bequem als Wochenendfahrt zu machen, wobei man zweckmäßig in der Hälfte, also etwa in Bad Oeynhausen, übernachtet. Man wird die Schleife natürlich da anfangen, wo man aus seinem Heimatorte kommend, sie am nächsten trifft. Die Strecke ist so gelegt, daß wir die Hauptsehenswürdigkeiten des Oberwesergebietes und des Teutoburger Waldes kennen lernen, und zwar, was die Hauptsache ist, nicht erst nach größeren Fußtouren, sondern per Motorrad; so sind auch alle hier abgedruckten Bilder vom Sattel der Maschine aus gemacht worden. Thero.

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