Organ für die Interessen des gesamten Kleinfahrzeugwesens.
Empfindsame Reise durch Portugal.
Eine Motorradfahrt von R. Richter - Dessau.
Wagen Sie „empfindsam“! Wenn eine „mühsame“ Reise heißt, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine „empfindsame“ Reise heißen, bei der viel Empfindung war.
Lessing an Bode 1786.
Obwohl diese freundliche Aufforderung nicht an mich gerichtet ist, wage ich es auch. Man darf wenigstens vermuten, daß Bode dem Rate eines Lessing folgte. So reich an Empfindungen war noch keine meiner großen Auslandsfahrten wie diese durch Portugal. Überreich an freudigsten und — sehr schmerzlichen Empfindungen! An freudigen angesichts dieses von der Natur so verschwenderisch gesegneten Landes, eines wahren Paradieses, und an sehr schmerzlichen — in des Wortes eigentlichster Bedeutung — verursacht durch die unmenschlich schlechten Straßen, die in Europa nicht ihresgleichen haben.
Besonders schlimm ist es damit im Süden Portugals bestellt. Seit Jahren bereits hat der Auto-Durchgangsverkehr von Spanien nach Lissabon auf der schon von den Römern befahrenen Straße fast ganz aufgehört. Wie ein Gespenst wurde ich in den kleinen Nestern angestarrt, wenn ich über die besonders schlechten Dorfstraßen jonglierte, und manch Weiblein schlug vor der ungewohnten Erscheinung ein erschrockenes Kreuz.
Wie freundlich ist der erste Eindruck, wenn man nach kurzer Fahrt von der alten spanischen Grenzfestung Badajoz her zur Zollstation gelangt. Ich traute meinen Augen nicht! Ueber die ganze Breite der Straße wölbt sich ein Wellblechdach. Und nicht bloß hier, sondern auch an den sieben anderen großen Durchgangsstellen nach dem Ausland. Das einzige Land Europas, welches soviel Rücksicht nimmt. Wir wollen annehmen, daß mit dieser Einrichtung nicht bloß die Beamten bei der ziemlich genauen Durchsuchung des Gepäcks geschützt werden sollen, sondern auch das Publikum. Es soll nämlich Länder geben, wo dieses nicht ausschließlich Objekt für die unentbehrliche Tätigkeit der Beamten ist. Ja, es muß wohl so sein, nach der auch sonst in allen Ständen geübten großen Rücksicht und Höflichkeit zu schließen, die ein Hauptcharakterzug im Wesen des Portugiesen sind. Diese Rücksicht geht freilich nicht so weit, auch die Straßen
DER KLEINE
MOTOR
 
in einem fahrbaren Zustand zu erhalten. Daran hindert eine zweite ebenso ausgesprochene Eigenschaft: die an Schwäche grenzende Energielosigkeit. Ebbe in den Staatskassen mag auch mitsprechen. Und dann: Ist die Straße zu schlecht, so fährt man eben mit der Eisenbahn! Die sauber, billig und pünktlich ist. Nur immer gemütlich! Pacienca — ist das große Schlagwort bei allen südlichen Völkern, besonders aber in Portugal.
Weiße Handschuhe zog der Beamte bei der Visitation nicht mehr an wie anno 1914, als ich zum erstenmal das Land durchfuhr. Dafür nahm er seine Sache ernster als damals. Als er aber in seinen Papieren die Rubrik: „Hersteller des Fahrzeugs“ ausfüllen sollte, da erschien ihm, übrigens mit Recht, die Firma: „Deutsche Kraftfahrzeugwerke“ zu lang und so schrieb er denn kurz entschlossen „Werke“ und — das stimmte ja auch. Froher Hoffnung voll betrat ich den portugiesischen Boden. Die Straße war ausgezeichnet, weit besser als in meiner Erinnerung. Vorspiegelung falscher Tatsachen! Bis Elvas ging’s so gut, daß ich noch am Abend Lissabon zu erreichen hoffte.
Aber dann! Mit einem Male verschlechterte sich die Fahrbahn so plötzlich und so gründlich, daß ich für die 9 km nach dem nächsten Dorfe — Vila Boim nennt sich stolz dieses Nest — mehr als eine Stunde brauchte und dort schließlich mit gebrochener Gabel und der Ueber- zeugung ankam, daß ein Weiterfahren mit dem schwer bepackten Beiwagen vollkommen unmöglich sei. Ein deutsches Ehepaar, welches ich am Abend, nach Elvas per pedes mit geschulteter Gabel zurückgekehrt, antraf, bestärkte mich in meiner Meinung. Es hatte mit einem Lancia-Wagen versucht, sich den Weg nach Lissabon zu bahnen, dieses Unterfangen aber schließlich aufgegeben, den Wagen eingestellt und war eben im Begriff, mit der Bahn abzudampfen. Das wollte ich unter keinen Umständen tun. Mein D-Rad, das mich durch halb Europa bis an die   Pforte Portugals getragen    hatte, ohne je
auszusetzen, würde mich auch nach Lissabon bringen, davon war ich fest überzeugt. Der Gabelbruch hatte nichts zu sagen. Auf diesen Straßen sind solche Scherze unvermeidlich, aber meinen Beiwagen und damit den größten Teil meines Gepäcks mußte ich zurücklassen. So trat ich denn, nachdem mir in freundlichster Weise ein Chauffeur beim Montieren der Gabel geholfen hatte, von besten Wünschen und starkem Kopfschütteln des ganzen Ortes begleitet, die Weiterfahrt an. Chauffeur! Also doch, wird mancher Leser denken. O nein! Nur hier an der Grenze und hauptsächlich für Fahrten in das benachbarte Spanien gibt es einige Autos, sonst aber sieht man höchstens mal einen uralten Ford-Wagen, der seinen Besitzer eine kurze Strecke
vom Heim nach dem Felde zu schaffen hat oder einen vorsintflutlichen Autobus, der den Verkehr zwischen Station und Ortschaft besorgt und den unglücklichen Fahrgästen für die Folterqual auch noch Geld abnimmt.
Nach manchen Stürzen unter Anwendung von allerlei Kunststücken ward endlich Lissabon erreicht. Auf guter Straße erreicht, denn das letzte, etwa 40 km lange Stück war erst kürzlich repariert worden und war daher noch fahrbar. Die Strecke berührte Estremoz, Setubal und das weit in die Lande schauende Palmelia.
Lissabon! Ich will das Lob der einzig schönen Lage dieser Stadt nicht wiederholen. Es ist berechtigt! Ohne künstlerische „Höhe“punkte in Türmen und Kuppeln, ohne einen Hintergrund, wie Neapel ihn im Vesuv besitzt, bietet die breite am Nordufer des Tejo auf Hügeln und in Tälern hingelagerte Stadt — namentlich von Süden aus gesehen — einen bezaubernden Anblick. Einer der größten Portugiesen, der Marquis von Pombal, hat sich mit der nach dem Erdbeben von 1755 wiederaufgebauten City von Lissabon ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Künstlerisch ist es zwar nicht besonders wertvoll, aber als ein früher Versuch, das Städtebauproblem wenigstens von der praktischen Seite her zu lösen, spricht es für den genialen Weitblick dieses Mannes, der auch hier großzügig an’s Werk ging.
Es gibt auch einen Automobilklub von Portugal Er haust in feudalen Räumen, sein Generalsekretär ist ein äußerst! liebenswürdiger Herr; meine Bitte, mir eine Route nach dem Norden auszuarbeiten, wurde sofort einem Angestellten zur Bearbeitung übergeben, aber dann haperte es mit ihrer Erfüllung. Nach mehrfachen Besuchen und langem Warten erhielt ich eine in wenige Minuten verfertigte Liste von Ortsnamen in die Hand gedrückt’ und ich war so klug wie zuvor.
Die Portugiesen sind ein Mischvolk mit stark negroidem Einschlag, auf den man aber im Lande beileibe nicht anspielen darf. Kurz vor meiner Ankunft war ein bekannter französischer Journalist aus dem Lande gewiesen worden, der es eine Negerrepublik genannt hatte. Das geht freilich zu weit. Aber vieles mutet so uneuropäisch an, daß man mindestens die südliche Hälfte des Landes, auch in klimatischer Hinsicht eher Afrika zuteilen möchte, während der schon seit Jahr; hunderten unter englischem Einfluß stehende Norden mit seine passablen Straßen eher unseren Vorstellungen von Zivilisation entspricht.
Auch die Fahrt nach diesem Norden war kein Vergnügen. Auf Anraten des Automobilklubs hatte ich meinen Beiwagen mit der Bahn nach C o i m b r a dirigiert. Von dort aus würde es — so meinte man — wohl möglich sein, ihn wieder zu benutzen. Ich selbst bestieg
 
mein vielbewährtes D-Rad und fuhr auf einem großen Umwege, der aber bessere Straßen brachte, dorthin.
Ueber Loures und Bucelas führte mich ein greulicher Weg an den Tejo, den ich bei Vilafranca mit der Fähre übersetzte, um, dann bald auf seinem linken, dann auf dem rechten Ufer fahrend, nach Colega zu gelangen.
Ueber T h o m a r erreichte ich denn auch mit Mühe und Not meinen Bestimmungsort.
Natürlich hatte ich es nicht unterlassen, zu Beginn dieser Fahrt nach dem Norden auch C i n t r a wieder zu besuchen. Ein „glorious Eden“ nennt es sein berühmter Sänger, Lord Byron. Und in der Tat! Es verdient diesen Ruhmestitel. Es gehört zu den wenigen wirklich schönen Punkten dieser Erde, die auch einem abgebrühten Globetrotter imponieren müssen. Nordische und subtropische Vegetation vereinigen sich hier, um in betäu-bender Fülle Berg und Tal von Cintra zu schmücken.
Die Burg, die erst vor etwa 50 Jahren von einem deutschen Fürsten, dem Prinzen Ferdinand von Sachsen- Koburg-Kohary, dem Gemahl Marias II., da Gloria erbaut wurde, kommt künstlerisch durch die echt portugiesische Ver-mischung von allerlei Stilen weniger in Betracht als die Reste der alten Maurenburg auf einem Vorberge und das Stadtschloß im Tal mit seinen beiden weitbekannten kegelförmigen Küchenschornsteinen.
Gott strafe — alle Redaktionen, welche ihren Mitarbeitern eine Kürze vorschreiben, die bei der Unmasse des Interessanten, Sehens- und Wissenswerten einfach nicht einzuhalten ist, ohne Wesentliches außer acht zu lassen. Im Falle „Motor“ plädiere ich selbst für mildernde Umstände, da mir die wohlwollende Gesinnung meiner Auftraggeber bekannt ist, aber hart ist es doch, über Namen wie Batalha, Thomar, Bussaco, Coimbra mit bloßer Erwähnung hinwegzugehen. Sie wird wenigstens durch die Feststellung erweitert, daß Batalha und Thomar reiche Fundgruben an künstlerischen Schätzen sind, daß Bussaco mit seiner an Mannigfaltigkeit fast noch reicheren Umgebung als Cintra und mit seinem glänzenden Hotel eine Erholungsstätte ersten Ranges ist, während Coimbra alles vereinigt. In der alten Universitätsstadt wetteifern Natur und Kunst (Kathedrale und Museum Machado), um ihr ihre Bedeutung zu geben.
Von Coimbra aus nach Norden zu werden die Straßen allmählich immer besser, allerdings nicht ohne einen
schlimmen Rückfall vor der Stadt selbst. Wenn man nicht selbst Leidtragender gewesen wäre, so hätte der Anblick der großen Autobusse, die trotz allem verkehren, zum Lachen reizen müssen. Wie
 
Fregatten schwanken die Ungetüm daher, tanzen von einer Seite der Straße zur anderen und schütteln ihre Fahrgäste in einer Weise durch, die nur portugiesisches Pflegma ertragen kann.
O p o r t o , im Lande selbst nur Porto genannt, ist das Handelszentrum. Auch diese Stadt, malerisch am D o u r o gelegen, ebenso wie Lissabon terrassenförmig aufgebaut, bis auf die Altstadt peinlich sauber, voller Leben, ist in höchstem Grade interessant, nicht nur als Hauptstapelplatz für den köstlichen Portwein, der in der Umgebung bis weit ins Gebirge in ausgedehnten Weingärten gebaut wird. Hier wie in Lissabon bestehen große deutsche Kolonien, deren Mitglieder es heute vielleicht nicht so leicht haben, ihre Tüchtigkeit zur Geltung zu bringen wie vor 20 Jahren, die aber allem Anschein nach in dem durch einheimische Elemente immer mehr verstärkten Wettlauf um Besitz und Geltung auf gutem Platze liegen. Erst von Porto aus, nach Norden und nach Osten, findet man Straßen, wie wir sie kennen und wie sie in Spanien heute schon fast das ganze Land durchziehen. Ich wählte die nördliche Route über Bargelas und Viana da Castell nach der Grenzstadt Valenca, wo ich den M i n h o , dort Portugals
natürliche Grenze, überschreitend, nach Spanien zurückkehrte. Schon in Coimbra hatte ich meinen Beiwagen wieder in Benutzung genommen und konnte mit meinem wirklich unermüdlich und zuverlässig arbeitenden D-Rade diese zweite Hälfte meiner Portugalfahrt ohne weitere Schwierigkeiten zu Ende führen.
Portugal ist ein schönes Land, reich an Schätzen der Natur und der Kunst, die allerdings meist von fremder Hand geschaffen wurden. Es ist ein freundliches und höfliches Volk, welches dieses schöne Land bewohnt. Den Deutschen wohlgesinnt, gutmütig (es gibt keinen besseren Beweis dafür als die unblutigen Stiergefechte) leider aber bis zu einem gewissen Grade schwach und energielos. Die starke Vaterlandsliebe, die alle Portugiesen beseelt, wird das heute schon fühlbare „Erwachen“ beschleunigen, und wenn die neugeborene Energie dem europäischen Skandal — so bezeichnen die eigenen Zeitungen den gegenwärtigen Zustand der Straßen — ein Ende macht, dann wird Portugal in allen seinen Teilen ein Autotouristenland par excellence werden. Heute kann nur der Norden und der Nord-osten dieses schönen Landes mit ungemischter Freude befahren werden.

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