Von Berlin zur Ostsee.
Zeltlager an der Ostsee. — Im Hintergrunde rechts Misdroy.
Diese Tour ist in erster Linie für Berliner Motorradfahrer bestimmt oder solche, die für kürzere Zeit in Berlin sind und gern bei der Gelegenheit die Ostsee „mitnehmen“ möchten.
Die Chausseen sind in Brandenburg und Pommern in guter Beschaffenheit, so dass die Fahrt als solche schon einen Genuss bietet, der noch erhöht wird durch die freundlichen Landschaften, durch welche unser Weg in sanftem Bergauf und Bergab dahinführt. Wir haben die Strecke so gelegt, dass bekannte Ortschaften oder irgendwelche historische Stätten berührt werden, und zwar führt die Chaussee von Berlin über Angermünde nach Prenzlau und von dort über Anklam nach Swinemünde. Wenn auch die Strasse Berlin — Klosterfelde — Gross Schönebeck — Milmersdorf — Prenzlau etwas kürzer ist, so möchten wir doch die erste Streckenführung empfehlen, da sie landschaftlich schöner liegt.
Die Ausfahrt aus Berlin beginnt am Alexander-Platz, von wo wir durch die Neue Königstrasse (Einbahnstrasse in unserer Fahrtrichtung) und die Greifswalder Strasse in die Berliner Allee in Weissensee kommen, die wir immer geradeaus weiter verfolgen, bis wir kurz hinter dem links liegenden Weissen See plötzlich ins Wiesengelände der nördlichen Berliner Rieselfelder kommen. Nach kurzer Zeit durchfahren wir das erste Dorf, und zwar Malchow, und wieder nach einigen Minuten Fahrt erreichen wir Lindenberg, wo am Ende des langgestreckten Dorfes unsere Strasse scharf nach links abzweigt (Wegweiser „Stettin“), um gleich darauf nochmals in scharfer Kurve nach rechts abzubiegen. Kurz hinter Schwanebeck sehen wir die Türme von Bernau, in das wir etwas später nach Unterfahrung der Berlin-Stettiner Eisenbahn einlaufen. Das 1142 gegründete alte Städtchen, und besonders die alten Stadtmauern, die wir bei der Ausfahrt aus Bernau rechts vom alten Stadttor sehen, sind interessant. In, vor und hinter Bernau, hauptsächlich aber dahinter, haben wir etwas schlechtes Pflaster, das jedoch allmählich besser wird. Nach insgesamt 34 km ab Berlin sind wir in Biesenthal, wo einige unserer bekanntesten Boxer ihr ständiges Trainingsquartier aufgeschlagen haben. In Biesenthal selbst geht es scharf rechts ab, gleich dahinter befindet sich ein geschützter Eisenbahn-Übergang. In sanfter Wellenlinie führt die Chaussee weiter durch ausgedehnte Wälder und Kornfelder nach Eberswalde (Spritzkuchen!). In der Stadt zweigen die Strassen nach Freienwalde (15,9 km) und nach Liebenwalde (30,6 km) ab. Ungefähr 7 km hinter Eberswalde liegt das ehemalige Zisterzienserkloster Chor in, welches 1543 Domäne wurde und in dem sich heute eine Oberförsterei befindet. Von der Strasse aus können wir das Kloster mit seinen spitzen Türmchen liegen sehen, und es empfiehlt sich ein kurzer Besuch der ganzen Anlage. Das grosse, leere Kirchenschiff ist verfallen und der dicht danebenliegende uralte Friedhof verwachsen und bewuchert.
Auf der Weiterfahrt treffen wir hinter dem Kloster einen herrlichen, zum Grundstück gehörenden See, und weiter geht’s durch ausgedehnte Waldungen, die hauptsächlich aus Kiefern und nur zum geringeren Teile aus Laubbäumen bestehen, Nach insgesamt 76 km ab Berlin sind wir in Angermünde. Hier gabelt sich unsere Strasse, und zwar verlassen wir jetzt den bisherigen Wegweiser „Stettin“ und biegen links ab (Wegweiser „Prenzlau“). Unsere Strasse führt durch weite Felder und Wiesen, die eine insgesamt eintönige Landschaft ausmachen, über Greiffenberg nach dem 41 km weit entfernten Prenzlau. Trotzdem diese Stadt an dem grossen Unter-Ücker-See liegt, sehen wir von dem letzteren kaum etwas, dagegen fiel uns schon von weitem die grosse, zweitürmige Marienkirche auf, die als älteste der sechs vorhandenen Kirchen im Jahre 1340 gebaut wurde.
Der Hafen von Swinemünde. Marktplatz und Marienkirche in Prenzlau.
Oben: Im Garten von Kloster Chorin.
Aus Prenzlau geht es genau in nördlicher Richtung heraus (Wegweiser „Anklam — Pasewalk — Swinemünde“). Nach 24 km treffen wir in Pasewalk ein, das früher durch die Kürassiere bekannt war. In der Stadt überqueren wir auf einer schmalen Brücke die Ücker, und weiter geht s in Richtung Anklam. Kurz hinter dem Dorfe Jatznick haben wir mitten im Walde einen ungeschützten Bahnübergang. In Ferdinandshof zweigt nach rechts eine Strasse nach Ückermünde am Stettiner Haff ab. Nach weiteren 27 km sind wir in Anklam, dessen beide gotischen, aus dem 13. Jahrhundert stammende Kirchen, St. Mariä und St. Nikolai, wir schon von weitem erkennen. Die Peene wird auf einer schmalen Holzbrücke überquert, und kurz hinter der Stadt stehen wir an einer Gabelung unserer Chaussee: Wir können beide Strassen fahren und kommen auf beiden nach Swinemünde. Empfohlen sei aber, von hier aus eine Schleife zu fahren, die wiederum hier endet. Wir fahren also beispielsweise geradeaus (Wegweiser „Greifswald“) und kommen über Wolgast, Zinnowitz und Heringsdorf nach Swinemünde, von wo wir über Usedom wieder hierher zurückgelangen. Diese ganze Schleife — von Anklam nach Anklam — ist 117 km lang. Entscheiden wir uns für die Weiterfahrt geradeaus in Richtung Greifswald, so müssen wir diese Strasse kurz hinter Zarnekow scharf rechts einbiegend (Wegweiser „Wolgast“) verlassen. Trotz der Nähe der See haben wir ausgerechnet auf diesem Stück einige verhältnismässig starke Steigungen; da sich jedoch die Strasse in ausgezeichnetem Zustande befindet, sind sie leicht zu schaffen. Nach insgesamt 33 km ab Anklam laufen wir in Wolgast ein, wo unsere Motor-radtour auf kurze Zeit unterbrochen wird; Wolgast liegt an der Peene, einem der drei Verbindungsarme des Stettiner Haffs zur Ostsee, und über diesen Arm setzen wir mit einer Wagenfähre. Es kann im Hochsommer zur Badesaison passieren, dass man etwas warten muss oder sich sogar anzustellen hat; normalerweise geht jedoch die Beförderung recht flott, und die meist immer am anderen Ufer befindliche Dampffähre kommt nach kurzer Zeit herüber, so dass wir unser Rad bequem auf das Schiff schieben können. Das Übersetzen eines Motorrades kostet 1 Mark.
Wenn wir drüben am anderen Ufer gelandet sind, befinden wir uns auf der Insel Usedom, auf der sehr viele bekannte Seebäder liegen. Noch haben wir nichts von der so ersehnten Ostsee gesehen; auch dann noch nicht, wenn wir nach 7 km ab Wolgaster Fähre in Zinnowitz einlaufen; wollen wir hier aber unbedingt ans Meer, so müssen wir für kurze Zeit unsere Strasse verlassen und rechtwinklig zu ihr nach links einbiegen. Nach ungefähr drei Minuten Fahrt sehen wir dann das endlose Meer vor uns.
Wir besteigen nunmehr wieder unser Rad und fahren in langsamem Tempo zurück; wir betonen besonders das „langsam“, da hier wie in allen Badeorten auch Erholungsbedürftige und Kranke sind, die man nicht durch zu schnelles Fahren gerade in diesen völlig verkehrslosen Orten erschrecken soll. Wir erwerben uns viel mehr Freunde und finden weit mehr Entgegenkommen und Verständnis durch rücksichtsvolles Fahren; auf der Chaussee kann man ja aufdrehen, bis der Gashebel den Anschlag berührt, und hier mag man, wenn es sein muss, die drei Minuten Zeitverlust einholen; aber auch das ist nicht nötig, da wir ja eine Erholungsreise und keine Rekordfahrt machen.
Wir biegen in unsere alte Strasse nach links ein und nähern uns langsam der Ostsee. Zwischen Zinnowitz und Koserow, bei ZempIin, erreichen wir jene Stelle, an der  unsere Strasse derart dicht die See berührt, dass uns nur wenige Meter von dem Steilabfall zum Wasser hin trennen. Wir können bei Zempin auf schmalem Wege links in den Wald einbiegen und stehen bald auf der Höhe des sandigen Ufers. Unter uns braust und brandet das weite Meer; soweit das Auge reicht, 'erblicken wir nur Wasser, und während unser Uferstreifen nach rechts in grauer Lerne verläuft, gewahren wir weit links die Badeanlagen von Zinnowitz. Hier an dieser Uferstelle bietet sich für den modernen Motorsportler Gelegenheit, einige Tage im mitgebrachten Zelt, fernab vom lauten Getriebe des mondänen Badelebens, auszuruhen.
Von Zempin geht es auf wun-derbarer Strasse weiter nach Kose-row; während die Ostsee links durch den davorliegenden Waldstreifen verdeckt wird, erschliesst sich unserem Auge nach rechts der Blick auf das grosse Achterwasser, einen Teil des Stettiner Haffs. Auf der ganzen Insel Usedom befinden sich die Strassen dank der Badeverwaltungen in ausgezeichnetem Zustande. Sie sind meist schnurgerade und seitlich mit hohen Bäumen bepflanzt. Kurz vor Koserow sehen wir linkerhand ein Indianerdorf liegen; das ist aber nicht ganz so schlimm, da es sich hier um malerisch ausgeführte Badeschuppen handelt, die sich stilvoll dem Charakter des Gesamtbildes anpassen. Kurz darauf fahren wir durch Koserow, und allmählich entfernen wir uns wieder mehr und mehr von der See, bis wir hinter Ückeritz ein derart grosses Stück Wald zwischen uns und die See gebracht haben, dass wir das monotone Brausen des Meeres nicht mehr hören können. Nach 16 km ab Koserow laufen wir über Bansin in Heringsdorf ein. Man muss im Orte selbst sehr vorsichtig fahren, da es in der Stadt dauernd stark bergauf und bergab geht. Auch hier sehen wir nicht das Meer, sofern wir nicht zu diesem Zwecke wiederum nach links hereinbiegen. Ebenso ergeht es uns in dem 2 km entfernten Ahlbeck. Wir befinden uns übrigens jetzt auf der Rennstrecke des klassischen Bäderrennens, das hier vor zwei Jahren zum letzten Male ausgetragen wurde. Schnurgerade führt diese im saubersten Zustande befindliche Strasse von Ahlbeck parallel zur Eisenbahn 4 km weit nach Swinemünde, wo unsere Ostsee-Fahrt beendet ist.
Swinemünde und seine Umgebung bietet im Verein mit den grossen Hafenanlagen und den Werften sowie den vielen die Swine in langsamer Fahrt passierenden Ozeandampfern oder Segelschiffen so viel Interessantes, dass man sich hier bequem einen oder mehrere Tage aufhalten kann. Von Swinemünde geht eine Dampffähre über die Swine nach Ostswine; diese Fähre arbeitet von 6 Uhr früh bis abends 10 Uhr. Der Fährmann hat ein sehr einnehmendes Wesen; er verlangt von uns für das Motorrad 50 Pfg., ein Rad mit Beiwagen und zwei Personen kostet 1,40 M. Von Ostswine kann man noch einen kleinen Abstecher über Forsthaus Neukrug und Liebeseele nach dem 15 km entfernten Misdroy machen. Dieser Ort ist aber auch von Swinemünde aus mit einem Motorboot zu besuchen, wie überhaupt alle die eben genannten Badeorte Motorboot-Verbindung haben.
Alle Hotels und Gaststätten an der Ostseeküste haben Garagen oder sonst eine Unterstell-Möglichkeit für unser Motorrad, und wenn wir es erst solide im Stall untergebracht haben, können wir uns frohen Herzens ins Familienbad begeben, wo wir zugleich mit dem Reisestaub unsere Müdigkeit abspülen.
Nur ungern denkt man an den Nachhauseweg, den wir über Usedom wählen, das 25 km von Swinemünde entfernt liegt. Zwischen Usedom und dem 22 km weiten Anklam haben wir nochmals eine Fähre zu passieren; nach nicht allzu langer Fahrt auf dem jenseitigen Ufer treffen wir wieder jene ominöse Weggabel, an der wir kurze Zeit vorher standen und überlegten, welcher Weg einzuschlagen sei. Von hier aus geht es dann auf der eingangs beschriebenen Route nach Berlin zurück. Die geschilderte Strecke ist insgesamt 493 km lang.
Tankstellen und Reparaturwerkstätten sind überall vorhanden und schon von weitem durch entsprechende Schilder kenntlich gemacht. Reisebureaus und die Gemeinschaft der Ostsee-Badeorte in Berlin sind gern bereit, Auskunft über Pensionen, Preise usw. in den verschiedensten Badeorten zu geben; die Strecke ist in der ganzen Wegführung gut markiert, so dass ein Verfahren unmöglich ist.
Auf zur Ostsee! Vergessen Sie; nicht, dieses Heft zur Orientierung; mitzunehmen, denken Sie an eine Reservezündkerze und dt. Benzin, und vergessen Sie vor allem nicht — die Badehose!

Links oben: Die ideale Chaussee von Koserow nach Heringsdorf.              Rechts  oben:    Der        Kurpark von Heringsdorf.
Links amten: Das „Indianerdorf“ bei Koserow.   Rechts  unten:  Ostseebad Ahlbeck.

 

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