Wenn die Blätter von den Bäumen fallen, werden die Strassen wieder breiter und die Nur-zum-Spass-Fahrer halten Winterschlaf. Dann sehen wir, was sonst im Verkehr untergeht, die Seitenwagengespanne mit grossem Anhänger.
Da flitzt ein Fünfhunderter mit Kastenwagen um die Ecke. Aufrecht steht ein hoher Spiegel — Marke Muschelstil: Gewicht: 50 kg — gegen eine Eisenmatratze gelehnt. Die Zwischenräume sind mit Waschschüssel und anderem Porzellan ausgefüllt. Im Lianengewirr der Beiwagen
anschlüsse hockt ein Mann, der mit aller Macht versucht, das Gleichgewicht herzustellen, oder die Zentrifugalkräfte auszugleichen.
Möbelwagen am Sonnabend, Sonntags-Familienkutsche, Alltags Lieferwagen, das ist das Los dieser Gefährte. Viele Firmen gibt es, die das Seitenwagengespann als schnellen
Lieferwagen benutzen. Die Lotterieeinnehmer fingen damit an. Anfangs musste eine 175 ccm BSA oder Stock mit Seitenwagen genügen. Später war’s dann eine Tausender.
Und heute, wenn wir mal an einem schönen (Sommermorgen früh an der Zentralmarkthalle vorbeifahren, dann sehen wir, was alles so ein armer Motorradmotor schleppen muss. Berge von Gemüse und Obst türmen sich in der Kiste; manchmal so hoch, dass sie dem Fahrer die Aussicht versperren. Der Fahrer selbst ist auch nicht hager — 160 Pfund wiegt er und seine teure Ehehälfte bringt dasselbe Gewicht in den Soziussattel. Tagaus, tagein schleppt das die Maschine — tagaus, tagein fährt auch der Lieferwagen. Mehrere Hunderte gibt es in Berlin.
Dieselben Strecken bis in entlegene Vororte und zurück fährt auch der Zeitungsfahrer. Er hat einen Beiwagen hauptsächlich des Rutschasphalts wegen. Wenn ihn in der feuchten Jahreszeit das ewige Rutschen und Jonglieren mit den schweren Zeitungssäcken zermürbt hat, dann schafft er sich einen Beiwagen an und kann nun zahlreichere Touren absolvieren.
Bei jedem Wetter muss auch der Postfahrer seine Route fahren. Man kann die Uhr danach stellen, so pünktlich trifft er ein; ob die Sonne bratet, ob Glatteis ist — ob er ein altes Modell fährt oder eine kräftige Mehrzylinder. Es ist eine Freude, zuzusehen, mit welcher Exaktheit er die Kurven nimmt, das schlingernde Gespann auf glitschigem Asphalt beruhigt, oder sich munter wie ein Rehkitz durch den schleppenden Verkehr pirscht. Der beherrscht wirklich die Strasse und jede Situation. Und welch wundervolles Bild, wenn die Postfahrer in Rudeln aus dem Postamt preschen und sich nach kurzem Rennen nach allen Himmelsrichtungen verteilen.
Inzwischen gibt es Dreiradlieferwagen, die bequemer zu sein scheinen und eine grössere Ladefläche haben. Warum also ein Gespann? „Weil“, sagt ein Tischlermeister, „ich in den Ferien den Beiwagen abbaue und dann brause ich mit meiner Frau zu den Schwiegereltern nach Schlesien, oder wir machen eine schöne Reise nach Italien."
„Weil“, sagt der Gemüsehändler, „ich das Gespann im Torweg stehen lassen kann (einen Wagen nicht) und ich Sonntags mit meiner Familie rausfahren kann auf unser Grundstück.“
„Weil“, sagt der Besitzer einer Kopieranstalt, „ich mit meinem Gespann Sport treiben will". — Dasselbe sagte ein Klempner, der mit einer anderen (Sonntags-)Karosse die 2000-Kilometer-Fahrt bestritt.
Der Hauptgrund sind jedoch die geringen Betriebskosten. Die meisten Kisten sind alt gekauft und erreichen trotz Reparaturkosten nie den Unkostenstandard eines Geschäftslieferwagens. Ausrangierte D-Räder der Post tun ihren Dienst mit unerhörter Zuverlässigkeit — die Anschaffungs-kosten waren gering, 400 Mk. für eine durchreparierte Maschine ist preiswert. Die Neuanschaffungskosten für ein starkes Gespann waren nicht klein. Um 2000 Mk. herum liegen die Preise für starke Indian, Harley oder BMW. Aber
Vor 4 Jahren von der Post gekauft. Selbst repariert, wird als Lieferwagen fürs Geschäft benutzt. Sehr weite Touren. Sonntags-beschäftigung: Allroundtrekker für den Gemüsegarten.
 
was leisten auch diese Dinger! Ich traf eine Harley, die eine viertel Million Kilometer auf dem Buckel hatte und noch gut in Schuss war.
Manchmal sieht man alte Veteranen mit schwerem Lastanhänger. Das sind dann berühmte Rennpferde vor dem Pflug. Eine Brough, die viele Rennen gewann, oder ein Blackburne, dem sagenhafte Geschwindigkeiten zugeschrieben wurden. Sie beschliessen ihre Tage neben einer Kiste mit Farbtöpfen und Leitern, neben transportabler Feldschmiede und Zinkröhren, Sehr viele Schlosser, Rohrleger, Ofensetzer, Töpfer, Bäcker und Tischler haben Kisten. Sogar die fliegenden Händler, die genialen Strassenverkäufer rollen mit Beiwagen an. — In Gottes freier Natur ist kein Ort für stille Liebespärchen. Es rumpelt plötzlich und der Eisverkäufer erscheint auf verbotenem Waldwege mit der begehrter Kühlung.
Heute heisst es eben: „Handwerk hat rollenden Boden“!
Chr. Christophe.
Die Beispiele für die Verwendungsmöglichkeit und tatsächliche Verwendung der „Kisten“ liessen sich unbegrenzt vermehren. Besonders in Süddeutschland kann man die lustigsten Kombinationen sehen. In weitaus den meisten
Fällen ist die Kiste selbst dann so gebaut, dass man zur Not auch ein oder sogar zwei Personen darin unterbringen kann. Ob man nicht noch wesentlich mehr Gespanne verkaufen könnte, wenn man beim Entwurf des Fahrgestells schon eine leichte Auswechselbarkeit der Karosserie vornehmen würde? Man müsste dann in manchen Fällen allerdings auch wohl die Federn auswechselbar vorsehen, da die Gewichte der transportierten Lasten doch oft sehr stark differieren. (Wir dachten im Augenblick daran, dass die Ware meist schwerer ist als Madame, nicht umgekehrt!) Es würde bestimmt eine Menge kleine Gewerbetreibende reizen, sich ein Transportfahrzeug anzuschaffen, das am Sonntag als elegantes S p o r t fahrzeug zu fahren ist. Die Schriftleitung.
Oben: Gespann mit selbst gebautem Anhänger. Lieferwagen für Kommisbrot. Fährt auch ziemlich weite Touren; Sonntags braucht dann bloss der Anhänger abgehängt zu werden und los geht’s ins Grüne Mitte: Seinerzeit neu gekauft für 1400.— Mark. Geschäfts- und Lieferwagen für Tischlerei. Grössere Reparaturen noch nicht vor gekommen. Jeden Sommer wird eine grosse Ferienreise damit gemacht 50 00 km alt!
Das Gespann eines Gemüsehändlers. Neuanschaffungspreis war 2060.— Mark. Ein Pferd ist zwar billiger, kostet nämlich nur 400.— Mark, aber das Motorrad verlangt weniger Wartung. Ausserdem kann man öfter und schneller damit zum Markt fahren und so den Kunden frischere Ware verkaufen.

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