Jenseits des Tweed Schottische Reisebilder von Hof Schauspieler a. D. Richard Richter, Dessau Es gibt Länder, mit denen wir schon aus frühen Kinderjahren rein gefühlsmässig verbunden sind. Die Phantasie ist die Brücke, über welche sich diese Beziehungen entspinnen. Aus Jugendschriften gräbt sich eine einprägsame Handlung und ihr Schauplatz in das weiche Kindergemüt und wirkt dort nach, vielleicht ein ganzes Leben lang, wenn nicht „Erfahrung“ das schöne Bild zerstört. In reiferer Jugend ist es dann die Dichtung, welche oft allen Sehnsüchten in die Ferne ein Ziel gibt, und wenn sich endlich eine so schöne Möglichkeit der Erfüllung bietet, wie sie der Motorfahrer besitzt, so wird vor allem dies Land der Jugendträume aufgesucht.
Schottland gehört zu diesen Ländern. Wer hätte nicht wenigstens einen Roman von W. Scott gelesen und einen tiefen Eindruck von des Dichters Land und Landsgenossen empfangen? Einen Eindruck, stark genug, gerade Schottland zum Gegenstand seiner Wanderträume zu machen. Heute ist es dem Automobilisten und Motorradfahrer ein Leichtes, dies Land selbst aufzusuchen, selbst zu schauen und zu prüfen, ob Phantasie und Wirklichkeit nicht zu sehr auseinanderstreben. Zwar die alten Burgen und trutzigen Türme sind meist dahin; nur kärgliche Trümmer zeugen von einstiger Kraft und Stärke. In den Tälern, auf den Bergen begegnet man nur selten mehr Menschen in der alten Landestracht, in Kilt, Jacke, Plaid und Mütze, aus deren Farben man des Trägers Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Clan erkannte. Friedlich, ohne Waffen gehen sie harter Arbeit nach, aber es sind doch die Menschen vom alten Schlag, und herrlich, wie am ersten Tag, ist das Land in seiner Eigenart und Schönheit.
Das Land und der Motorsport.
Hoch im Norden Europas steigt Schottland aus den Meeres­fluten zu grandioser, wildromantischer Schönheit empor. Rest einer Gebirgsbrücke, die sich im Nordwesten des Kontinents von Frank­reich nach Norwegen zog, bis der Atlantik sie zerbrach und als Nord- und Ostsee tief ins Land drang. Damit ist der Charakter des Landes gegeben. Meer und Gebirge bestimmen ihn. Zahlreiche Fjorde schneiden tief ins Innere und teilen es in drei Hauptteile, die alle drei ihre besonderen und starken Reize besitzen, wenn auch der mittlere, das Hochland, von jeher als der schönste galt.
Gute, zum Teil ausgezeichnete Strassen durchziehen das ganze Land, im Norden freilich weniger zahlreich als in Mitte und Süden. So ist es kein Wunder, dass im Hochsommer, wenn auf das sonst wechselvolle Wetter einiger Verlass ist, unzählige Motorfahrer nach Schottland und vor allem ins Hochland ziehen, so viele, dass die wenigen Hotels dem Ansturm nicht genügen können. Die grossen Herren, denen gerade in den schönsten Regionen Grund und Boden gehört, konnten es sich leisten, den Ackerbau in mancher Gegend brachzulegen. Sie kauften alle Gehöfte auf und liessen sie verfallen, um den Wildstand nicht zu stören. Sie haben es wohl auch verhindert, dass Hotels in grösserer Zahl gebaut wurden, nachdem sie auch aus den vorhandenen fette Dividenden ziehen.
Und aller Strassen Krone ist oder wird vielmehr die Great North Road, die Edinburgh mit der alten Königsstadt Inverness verbindet. Noch befindet sie sich im Umbau. Auf uraltem Untergrund wird sie verbreitert und verbessert und wird nach ihrer schon im nächsten Jahre zu erwartenden Vollendung zu den schönsten Strassen Europas zählen, zumal sie auf lange Strecken durch wundervolle Gebirgsgegenden führt.
Das Hochland.
„Mein Herz ist im Hochland.“ Auch meines! Und jedes Menschen, der die Highlands je gesehen hat. Zwischen dem kaledonischen Kanal und einer Linie, die Glasgow mit Edinburgh verbindet, nimmt es fast die ganze Breite des Landes ein. Nur im Osten flacht es sich in grünen Hügeln und weiten Mooren zur Küste herab. Die höchsten Gipfel sind kaum mehr als 1000 Meter hoch und erwecken doch die Vorstellung des Hochgebirges. Die grosse geographische Breite bewirkt das. Die Vegetation gleicht der der Alpen in 2000 Meter Höhe. Zu lange brauen dichte Nebel in den Tälern, brausen wilde Stürme um die Gipfel, als dass sich der Pflanzenwuchs üppiger entfalten könnte. So entsteht der schaurig-düstere Eindruck des Passes von Glencoe, den die Erinnerung an eine schwere Bluttat, die verräterische Hinmetzelung eines ganzen Stammes am Ende des 17. Jahrhunderts, noch vertieft. Auch die Grampian Mountains sind in ihrer grossartigen Oede der gegebene Schauplatz für Hexenglauben und Spukgeschichten. Man kann es begreifen, dass die Bewohner dieses Landesteils, Macbeths Landsgenossen, mit dem zweiten Gesicht begabt sind.
Aber auch freundlichere Bilder bietet das Hochland. Wald- umkränzte Seen, wie der Loch Lomond (Loch = See), breiten sich in weiten Tälern, die sich rings um den Ben Lomond (Ben = Berg) schlingen. Hier liegen auch die berühmten Trossachs, die vielbesuchte Eingangspforte zum Loch Katrine, über die W. Scott durch sein „Fräulein vom See“ einen Nimbus von Romantik gebreitet hat, welcher die Begeisterung der Engländer und Schotten erklärt, während sie uns nur geringeren Eindruck machen.
Wildbäche schäumen in engen Tälern dahin, Wasserfälle erfüllen Fels und Wald mit ihrem silbernen Glast. In ständigem Wechsel zaubert die Landschaft dem Wanderfahrer immer neue wirkungsvolle Bilder vor die entzückten Augen, Bilder, denen sich trutzige Burgen, ragende Türme, alte Städte, wie Perth und Stirling, stimmungsvoll einfügen.
Und über allem weht der Atem einer reichen Geschichte, die jedem Fussbreit Landes hier und im südschottischen Bergland eine tiefe, jedem Schotten vielsagende, oft traurige Bedeutung geben. Die endlosen Kämpfe der Clans untereinander und zuletzt der Verzweiflungskampf gegen die Engländer sind ein reicher Stoff, dessen sich Legende und Dichtung in weitem Masse bemächtigt haben.
Das südschottische Bergland und der Norden.
Zwischen dem alten Hadrianswall, der den Norden der römischen Provinz Britannia gegen die Einfälle der Barbaren schützen sollte, und der vorerwähnten Linie Glasgow-Edinburgh dehnt sich das süd­schottische Bergland aus. Zu eilig wird es gewöhnlich durchfahren; alles drängt nach dem Hochland. Und doch hat auch dieses südliche Drittel seine Reize. Sanftere, aber doch anziehende. Es ist das Land der Dichter Burns und Scott, der hier lebte. Manche verfallene Abtei, manch verwitterter Turm bereichern die Konturen einer fried­lich-anmutvollen Hügellandschaft. Wasserläufe, grosse Schafherden geben ihr Leben und Bewegung.
Weniger kommt für den Motorfahrer das nördliche Drittel, jen­seits des kaledonischen Kanals, in Betracht. Diese Wasserstrasse, die mit Benützung von Seen und Fjorden Atlantik und Nordsee ver­bindet, hat die Erwartungen nicht erfüllt. Sie brachte, auch nicht die erhoffte Belebung des Personenverkehrs. In der Hauptsache suchen passionierte Jäger und Fischer diese einsamen Gegenden auf, die mit ihrer reich gegliederten Küste und einer auch geologisch sehr interessanten Inselwelt Anspruch auf volle Beachtung haben. Der Zustand der wenigen Strassen war für den Wanderfahrer auch nicht besonders einladend und noch weniger die unzulänglichen Unter­kunftsmöglichkeiten. Hierin soll gerade in letzter Zeit eine Besserung eingetreten sein, aber in der Regel bildet Inverness den Wendepunkt, um so mehr als hier die beiden Hauptstrassen aus dem Osten und dem Westen des Hochlandes Zusammentreffen und so die Möglich keit bieten, die Rückfahrt auf einem anderen, nicht minder reiz­vollen Wege anzutreten.
Glasgow und Edinburgh.
In Rauch und chemische „Düfte“ gehüllt, bewacht Glasgow im Westen die Zufahrtsstrassen zum Hochland. „A fine place — to get out of“ (eine schöne Stadt — zum Wegfahren) ist ein bekanntes Wort, das zwar jeden Schotten und besonders den Bürger von Glasgow ärgert, aber doch ein ansehnliches Korn Wahrheit birgt. Der Wan­derfahrer wird sich meist begnügen, dieser gewaltigen Industriestadt, die der Welt den ersten Dampfer schenkte und die auch noch heute im Bau von Schiffen und Schiffsmaschinen führend ist, auf der Durch­fahrt seinen Respekt zu bezeugen.
Nicht lange genug kann man dagegen in Schottlands Haupt­stadt, dem um die Hälfte kleineren Edinburgh, verweilen, das unbestritten unter die schönsten Städte Europas gerechnet werden muss. Zwei Hauptstrassen, parallel zueinander, die eine auf der Höhe, die Highstreet, und die andere im Tal, beherrschen die Stadt. Die Highstreet führt vom Holyrood Palace zum Castle von Edinburgh. Die Geschichte Schottlands spiegelt sich in den Bauten wieder, die sich in dem Dreieck Holyrood Palace, Edinburgh Castle und
Calton Hill erheben. Der alte Glanz, der die Paläste des Adels um­
schwebte, ist freilich geschwunden. Die meisten von ihnen sind zu übelriechenden Mietskasernen herabgesunken, aber der Name und die Erinnerung haften doch für immer an den Gebäuden. Unüber­troffen an malerischer Wirkung ist die Princess Street, von der man einen überwältigenden Blick auf das Gewirre der Altstadt geniesst, auf die schroffen Felsen im Hintergründe, die Salisbury Crags, ferner
auf den Calton Hill und den Hügel, der das Schloss von Edinburgh
trägt. Eine Szenerie, wie sie wirkungsvoller nicht die Phantasie eines Theatermalers ersonnen haben könnte. Von oben, von Edinburgh

Klicken Sie auf das grosse Bild oben, um dieses noch grösser anzeigen zu lassen.